martin hoffmann

I do cool things. With cool people.

“Städte sollten wie Äcker wachsen”: Digitales Stadtwachstum nur durch Partizipation

| 0 comments

Schon während meines Studiums ist mir ab und an eine Arbeit von Richard Sennett in die Finger gekommen. In seinen Analysen schlägt er interessante Brücken innerhalb des Biotops ‘Stadt’ zwischen Menschen, Identität, Gesellschaft und Arbeit. In der Zeit ist vor kurzem ein wunderbares Interview mit ihm erschienen.

Gerade ‘Civitas: Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds’ hatte bei mir den Eindruck hinterlassen, dass die Bewohner von Städten ja immer irgendwie auch eine Hassliebe mit diesen Pflegen.

„Die moderne Großstadt kann die Menschen veranlassen, sich nach außen statt nach innen zu wenden; statt Ganzheit kann die Großstadt die Erfahrung von Differenz vermitteln.“ (S.161)

Auf der einen Seite sind wir bedrückten von der Distanz die zwischen uns und all den anderen sozialen Wesen herrscht, und doch brauchen wir diese, für die eigene Identitätsbildung.

New York, Times Square, 2012

New York, Times Square, 2012

In einem Interview mit der ZEIT vom 15. November 2013 schaut Sennett mehr auf Stadtentwicklung. Er geht der Frage nach, was Nachhaltigkeit in diesem Kontext bedeutet. Spannend finde ich dabei, dass er nicht unbedingt die ökologische Perspektive betrachtet, sondern vor allem soziale Nachhaltigkeit, insbesondere ihre Ausprägung in Arbeit und die Räume die wir dazu benötigen und bilden.

Sennett prangert die Monofunktionalität vieler Städte an, in denen business districts den öffentlichen Raum verdrängt haben und so, ganz im Sinne von Le Corbusier, sozial- bzw. inhaltsleer geworden sind.

“Nach meiner Vorstellung sollten die Menschen lernen, sich gerade an Orten zu treffen, an die sie nicht gehören – weil die Gesetze so repressiv sind. Deshalb bedeutete mir die Occupy-Bewegung so viel. Die Menschen haben einfach einen verbotenen Ort eingenommen.”

Doch Stadtplanung, gerade in (ehemaligen) Schwellenländern, gestaltet sich größtenteils repressiv-planend. Es wird festgelegt und fertig gestellt. Besonders wunderbar lässt sich dies an den Bebauungsplänen der sportlichen Großereignisse in China und Brasilien beobachten, die monofunktionale Tundren schaffen, in denen nicht viel mehr wächst als ein Stadion.

“Ich glaube nicht an Masterpläne. Die Einstellung, dass alles kontrolliert werden muss, gefällt mir nicht. Ich glaube an eine Stadtplanung, die mehr dem Aussäen auf einem Acker gleicht, auf dass dort etwas von unten wachsen kann.”

Im Interview denkt Sennett solch einen “Städtebau von unten” auch weiter, hin in eine technologisch unterfütterte Entwicklung. Gerade wenn sich digitale und away-from-keyboard Interaktionen mit Stadtraum mehr und mehr ausdifferenzieren, aber eben auch Internet und die Vernetzung der Dinge immer präsenter im Stadtalltag werden, ist die Versuchung groß, anhand von Big Data Städte zu konformisieren und “digitale Stromlinien” anzulegen, wider der freien Bewegung.

“Wir könnten die menschliche Intelligenz, ihr Urteilsvermögen durch Technik ersetzen, etwa, indem wir vollständig kontrollieren, wie und wo sich die Menschen bewegen, indem wir ihr Verhalten mit Sensoren und Kameras überwachen. Das ist jedoch kein kluger Gebrauch von Technik. Klug wäre, Technik zur Koordinierung einzusetzen. […] Derzeit haben viele eine Vorstellung von Technik, bei der in einem geschlossenen System Form und Funktion genau zueinanderpassen. Ein offenes System hingegen würde die Technik dafür nutzen, uns mehr Entscheidungsmöglichkeiten zu geben.”

Damit ist die Stadt der Zukunft laut Sennett nicht nur digital(er), sondern vor allem auch partizipativer. Stadtentwicklung funktioniert also nur durch unten, durch die Bürger selbst.

Sources:

mm

Author: hoffmann.martin

cultural engineer and education hacker | interested in design, media, politics, learning, teaching, understanding

Leave a Reply

Required fields are marked *.